Kiras elfter Geburtstag steht kurz bevor. Das immerzu hungrige Känguru Cangoo, der Bilder malende Elefant Watahulu, das schüchterne Krokodilsmädchen Noko und ihre anderen Freunde schenken ihr eine Bilderreise nach Krakau, wo in einem Museum das weltberühmte Bild 'Dame mit Hermelin' von Leonardo da Vinci hängt. Doch plötzlich ist das Gemälde verschwunden, und niemand weiß, wohin. Eine spannende Verfolgungsjagd beginnt.

LESEPROBE:

Kapitel 8

Eine Filmrolle und Nokos große Chance


EINE FILMROLLE UND NOKOS GROSSE CHANCE

Ende Mai bekam Pferdfreund die tierische Hauptrolle in einem Film. Aber diesmal war es kein Western, sondern ein Liebesfilm. Genauer gesagt ein Märchenfilm mit einem Prinzen und einer Prinzessin. Und einem schönen Schimmel, mit dem der Prinz am Ende des Films den Schlossgraben durchquerte, um die Prinzessin auf sein Schloss zu holen. Die Dreharbeiten für Pferdfreund sollten in Hollywood stattfinden, wo die Leute vom Film extra ein großes Schloss und einen Schlossgraben aufgebaut hatten.

Cool“, rief Cangoo begeistert, als Pferdfreund uns beim Abendbrot von seiner neuen Filmrolle erzählte. „Nimmst du mich zum Beispiel mit nach Hollywood?“

Wieso sollte ich das tun?“ fragte Pferdfreund.

Na, weil ich zum Beispiel ein Riesentalent bin“, antwortete Cangoo wie selbstverständlich. „In dem Drehbuch kommt aber gar kein Känguru vor“, mischte ich mich vorsichtig ein, denn ich wusste ja, dass Cangoo für sein Leben gern mal in einem Film mitgespielt hätte.

Na und? Dann muss man eben noch eins in das Drehbuch mit rein schreiben“, meinte Cangoo. „Wetten, dass der Film weltberühmt wird, wenn ich zum Beispiel mitspiele?“

Pferdfreund blies etwas herablassend die Luft aus seinen Nüstern und sagte „Du kannst doch gar nicht schauspielern. Du bist ja sogar zu blöd zum Lesen.“

Bin ich nicht, du Depp“, rief Cangoo wutentbrannt und zielte mit einer Apfelsine auf Pferdfreund. Aber zum Glück fing mein Vater sie noch rechtzeitig auf. „Schluss jetzt mit dem Gezanke, ihr beiden, ein- für allemal“, rief er energisch. Hochmütig wandte Pferdfreund seinen Kopf ab. „Mit dem da rede ich eh nie wieder.“

Und ich zum Beispiel auch nicht mehr mit dir“, grölte Cangoo.

Schluss habe ich gesagt.“ Mein Vater erhob seine Stimme. „Sonst bekommt ihr alle beide Hausarrest.“

Mir doch egal“, rief Cangoo. „Hauptsache, ich muss diesen eingebildeten Esel nie wieder sehen.“

Pferd“, meinte Pferdfreund.

Mir doch egal“ raunzte Cangoo und hoppelte beleidigt aus dem Zimmer. Ich überlegte, ob ich ihm nachgehen sollte, um ihn zu trösten, aber mein Vater hielt mich zurück. „Keine Sorge, der beruhigt sich schon wieder. Außerdem muss Cangoo endlich lernen, dass er nicht immer im Mittelpunkt stehen kann.“ Das sah ich ein, griff nach einer heißen Waffel und bestrich sie mit Himbeermarmelade.

Bis wann musst du eigentlich deine Rolle können?“ fragte Noko Pferdfreund schüchtern.

In zwei Wochen muss alles sitzen.“

Oh“, rief Noko, „so schnell. Aber wenn du willst, helfe ich dir beim Lernen.“

Ich auch“, grummelte Timbu und schleckte den letzten Rest Honig von seiner Pfote ab.

Super“, meinte Pferdfreund. „Dann kann ja nichts mehr schief gehen.“ Er schnappte sich eine geschälte Möhre vom Tisch und kaute darauf herum, denn vor einem Film machte er immer eine Diät. Dann sah er mit wichtiger Miene in die Runde, bis sein Blick schließlich an Noko hängen blieb. „Übrigens gibt es noch eine tierische Rolle in dem Film. Und die kann nur ein Krokodil spielen.“

E...e...echt?“ stammelte Noko und lief vor Aufregung so rot an, dass ihre grünen Schuppen rosa funkelten. Pferdfreund nickte. „Deshalb habe ich dem Filmteam vorgeschlagen, dass du zum Casting eingeladen wirst.“

Ca...Ca...Casting?“ stammelte Noko wieder.

Du weißt doch, was ein Casting ist oder etwa nicht?“ sagte Pferdfreund.

Klar“ erwiderte Noko prompt, aber man sah ihr deutlich an, dass sie im Grunde keine Ahnung hatte.

Ich weiß es aber nicht,“ sagte ich zu Pferdfreund. Das war zwar geflunkert, aber ich wollte nicht, dass Noko sich blöd vorkam. „Castingist Englisch und heißt Besetzung. Wenn jemand gern eine Rolle in einem Film übernehmen möchte oder auch, wenn er gern als Model irgendwo engagiert...also... eingestellt werden möchte, muss er vorher zu einem Casting. Außer natürlich, er ist schon eine Hollywood-Berühmtheit, so wie ich“, erklärte Pferdfreund und warf seine Mähne mit elegantem Schwung nach hinten. „Dann muss er nicht mehr gecastet werden.“

Genau“, rief Noko, erleichtert darüber, dass Pferdfreund ihr nicht auf die Schlichte gekommen war, während ihre Haut sich langsam wieder grün färbte. „Und du willst wirklich, dass ich da hingehe?“

Es sei denn, du legst keinen Wert darauf, als Film-Krokodil berühmt zu werden“, erwiderte Pferdfreund. Mein Vater, ich und die anderen sahen Noko neugierig an. „Ich... be...berühmt?“ stotterte sie. „Aber ich habe doch überhaupt noch nie in einem Film mitgespielt.“

Irgendwann ist immer das erste Mal“, meinte Watahulu. „Außerdem.... schwimmen hast du doch auch gelernt, obwohl du am Anfang schreckliche Angst davor hattest. Du schaffst das.“

Man konnte förmlich sehen, wie es in Noko arbeitete. Dann meinte sie zaghaft. „Na ja, ich würde es schon gern probieren, aber...“

Kein Wenn und kein Aber“, fiel Pferdfreund ihr ins Wort. „Hier gilt nur Ja oder Nein.“ Auffordernd sah er Noko an. „Also... kann ich den Filmleuten jetzt sagen, dass du zum Casting gehst oder nicht?“ Noko schluckte und sah Pferdfreund unsicher an. „O...okay“, murmelte sie dann.

Was?“

Kannst du“, rief sie etwas lauter.

Gut“, meinte Pferdfreund. „Dann schicke ich denen gleich eine E-Mail. Außerdem können wir dann zusammen nach Hollywood reisen.“

Du kommst mit?“

Klar. Dann kann ich bei der Gelegenheit eine höhere Gage aushandeln und meinen Vertrag unterschreiben.“ Die Aussicht, nicht allein zum Casting zu müssen, erleichterte Noko gewaltig. Freudestrahlend sah sie Pferdfreund an. „Wann muss ich denn zum Casting?“

Morgen“, sagte Pferdfreund.

Mor...mor...morgen schon?“ Wieder machte sich Panik in Noko breit.

Morgen oder nie“, beendete Pferdfreund das Gespräch, legte vorsichtig ein Messer zwischen seine Vorderhufen und begann, einen Apfel zu schälen. Denn Obst und Gemüse fraß er aus gesundheitlichen Gründen grundsätzlich nur ohne Schale.


Am nächsten Morgen in aller Frühe verkleinerten Pferdfreund und Noko sich mit Hilfe von Alberts Zauberformel und verschwanden durch meinen Computer im Internet. Da sie keine Lust hatten, sich erst durch einen Haufen von Drähten, Kabeln und Leitungen zu quälen, um auf die Website der amerikanischen Filmproduktion zu kommen, schickte ich eine E-Mail an den Regisseur in Hollywood und hängte Pferdfreund und Noko als Anhang mit dran. Auf diesem Weg konnten die beiden ohne große Umstände direkt in Hollywood aussteigen, als jemand im Büro des berühmten Filmregisseurs meine E-Mail öffnete. Und die Reise dauerte nicht länger als eine halbe Minute. Kaum waren sie ausgestiegen, kam Noko aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Sonne schien von einem knallblauen Himmel. Prachtvolle Villen, die von hohen Palmen umsäumt waren, grenzten an riesige Studios, in denen teure Dekorationen für Dreharbeiten aufgebaut waren. Die meisten Villen hatten im Garten einen großen Swimming Pool oder sogar einen Privatstrand, von dem aus man auf den Pazifik blicken konnte.

Hier wohnen die reichen und berühmten Filmschauspieler“, erklärte Pferdfreund Noko etwas gelangweilt. „Manche haben sogar einen Kamin im Bad, obwohl man den hier überhaupt nicht braucht, eine eigene Bowlingbahn, einen privaten Helikopterlandeplatz, von dem aus sie mit dem Hubschrauber von einem Ende zum anderen jetten können, oder einen Tennisplatz.“ Noko sah Pferdfreund mit großen Augen an. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand so reich war, dass er sich sogar einen Privatstrand oder einen eigenen Helikopter-Landeplatz kaufen konnte.

So ist das eben beim Film“, meinte Pferdfreund und zuckte mit den Schultern. „Wenn man berühmt ist, verdient man eine Menge Heu... ähm... Geld.“ Er scharrte etwas ungeduldig mit den Hufen. „Wo bleibt eigentlich der Regisseur? Ich habe schließlich nicht ewig Zeit.“