DIE HUNDE-GEHEIMAGENTEN-SCHULE


Inhalt:

Bei den Geschwistern Jan und Noelia klingelt eines Tages plötzlich ein Eisbär. Er hat sich vom Nordpol auf die Reise gemacht, um zu erforschen, woher die Wärme kommt. Zusammen mit dem Forscherpinguin und dessen fünfzig Neffen will er Iglus errichten, die auch bei Plusgraden nicht schmelzen. Das gestaltet sich schwieriger als zunächst gedacht.

In einem baufälligen Haus gegenüber von Jan und Noelia toben unterdessen die Lärmgeister. Der Hund soll ihnen den Garaus machen und gründet zu dem Zweck eine Schule, in der er die begabtesten Hunde des Landes zu Geheimagenten ausbildet. Das spannende Abenteuer nimmt seinen Lauf.


Leseprobe, Kapitel 6

Der Hund und die Pinguinvilla

Da die Fotos und seine Nachforschungen, wann welche Geräusche im Spukhaus auftraten, ihm überhaupt nichts nützten, beschloss der Hund, seine Strategie im Kampf gegen die Lärmgeister zu ändern. „Ich werde so lange und so laut kläffen, bis ich den Lärm im Spukhaus übertöne. Und für den Fall, dass der Baulärm trotzdem nicht aufhört, werde ich all meinen Mut zusammennehmen, mich in das Haus schleichen und im schlimmsten Fall gegen die Lärmgeister kämpfen, falls sich einer oder gleich mehrere von ihnen auf mich stürzen sollten“, erklärte er Jan und mir. Das Einzige, was der Hund noch überlegte, war, ob er damit warten sollte, bis es dunkel würde, oder ob er doch lieber bei Tageslicht hineingehen sollte. Aber schließlich wollte er Geheimagent werden, und ein Geheimagent fürchtete sich weder vor Lärmgeistern noch vor der Dunkelheit. Die meisten Geheimagenten hatten bestimmt vor gar nichts Angst, dachte der Hund. Er bedauerte, dass er bisher noch nie einen echten Geheimagenten kennen gelernt hatte, den er hätte fragen können. Aber solche Leute liefen wahrscheinlich auch nicht gerade in der Nachbarschaft herum, und falls doch, dann würde sie wahrscheinlich keiner erkennen, weil sie ja geheim waren. Auf jeden Fall musste bald etwas geschehen. Denn erstens ging der Tumult von gegenüber allen entsetzlich auf die Nerven, und zweitens wollte er dem Eisbären beweisen, dass er sehr wohl das Zeug dazu hatte, die gefährlichen Lärmgeister zu besiegen.


Unterdessen bauten die Pinguine unter Anleitung des Bauleiterpinguins emsig ihre gläserne Villa auf dem Dach unseres Hauses. Sie hatten von allen Seiten Leitern ans Haus gestellt und oben auf dem Dach ein stabiles Seil befestigt, an dem ein großer Eimer hing. Darin zogen sie alles, was sie zum Hausbau benötigten, aufs Dach. Zuerst bauten sie die gläsernen Wände und das Glasdach. Danach kümmerten sie sich mit Hilfe der zwei Handwerkerpinguine um die Bäder, den Partyraum, die Rutschen, Sessellifte und den Swimmingpool. Als alle Zimmer durch gläserne Wände voneinander getrennt waren, kauften sie in der Kinderabteilung eines großen Möbelhauses Tische, Stühle, Schreibtische und alles, was sie sonst noch so brauchten, und begannen, das Haus nach ihrem Geschmack einzurichten. Weil alle fünfzig Pinguine mithalfen, dauerte das Ganze nicht länger als zwei Wochen. Von außen sah die Pinguinvilla wie ein großes Gewächshaus aus. Als das Haus fertig war, organisierte der Partypinguin eine Einweihungsfeier. Zu essen gab es Sardinen, kleine Tintenfische und Krebse, zu trinken geschmolzenen Schnee und Pfefferminzbier, denn das tranken die Pinguine am liebsten. Der Polizeipinguin schob während der Party Wache und passte auf, dass keiner über die Stränge schlug oder übermütig wurde. Zwei Kellnerpinguine watschelten in ihren Fräcken durchs Haus und verteilten leckere Fischsnacks. Zur Feier des Tages hatten die Pinguine auch unsere Eltern und Jan und mich eingeladen. Aber die Eingangstür ihrer Glasvilla war so klein, dass wir nur auf allen Vieren hätten hereinkriechen können. Und drinnen hätten wir auch nicht stehen können. Also begnügten wir uns damit, überall im Garten Lampions aufzuhängen. Denn Anfang Januar war es viel zu kalt, um draußen zu grillen. Die Party war so ein Erfolg, dass der Partypinguin vor Begeisterung außer sich war und beschloss, jede Woche eine Party zu organisieren. Inzwischen hatte sich auch in der Nachbarschaft herumgesprochen, dass fünfzig Pinguine auf unserem Dach wohnten und dort eine Einweihungsparty gefeiert hatten. So bekam es auch der Hund, der manchmal etwas schwer von Begriff war, zu Ohren und war beleidigt, dass die Pinguine ihn nicht dazu eingeladen hatten. Der Hund, der sich als Unterlärmgeisterbeauftragter und angehender Agent enorm wichtig fühlte, hatte sich natürlich auch längst ein Handy zugelegt und schickte dem Eisbären eine SMS. Kurz darauf simste der Eisbär vom Flughafen aus Honolulu zurück: Wenn du nicht zu den Pinguinpartys eingeladen bist, weil dich kein Schwein, äh ... Pinguin kennt, musst du dich eben selbst einladen. Grüße. Der Eisbär.

Der Hund starrte lange nachdenklich auf die Buchstaben, die ihm da vom Display seines Handys entgegen leuchteten, und dachte darüber nach, wie er sich am besten selbst einladen konnte. Aber ihm fiel beim besten Willen nichts ein. Einerseits wollte er unbedingt einmal mitfeiern und neue Leute kennen lernen, aber andererseits wollte er nicht, dass die Pinguine merkten, wie wichtig es ihm war. Entmutigt kam er zu uns getrottet und schilderte uns sein Problem. Jan und ich beschlossen, den Hund und die Pinguine offiziell miteinander bekannt zu machen und erzählten unseren Eltern von unserem Vorhaben. Am Sonntag buk meine Mutter einen Marmorkuchen für uns, außerdem hatte sie ein paar Kilo frische Fische für die Pinguine und Knochen für den Hund eingekauft. Als sich nachmittags alle im Wohnzimmer einfanden, deutete mein Vater auf den Hund und sagte: „Das ist der Hund.“ Dann zeigte er auf die Pinguine: „Und das ist unser Besuch vom Südpol. Die Herrschaften sind Verwandte vom Forscherpinguin.“ Der Hund wedelte wohlwollend mit dem Schwanz. Der Wortführerpinguin ergriff das Wort: „Sehr erfreut. Und wenn ich noch hinzufügen darf ... es wäre uns eine große Ehre, Ihnen zuliebe ein rauschendes Fest zu veranstalten, damit wir uns bald besser kennen lernen.“ Der Hund kläffte zufrieden, und die Pinguine wackelten erfreut mit den Köpfen auf und ab.

„Sehr schön“, fuhr der Wortführerpinguin fort. „Dann übergebe ich das Wort hiermit dem Partypinguin.“

Der Partypinguin watschelte nach vorn, schüttelte die Hundepfote mit seiner Flosse und sagte: „Sehr erfreut. Würde es Ihnen am nächsten Samstag passen?“ „Ausgezeichnet“, rief der Hund, der sich geschmeichelt fühlte, dass nur ihm zuliebe ein Fest veranstaltet wurde. Als alles aufgegessen war, ging jeder seiner Wege. Die fünfzig Pinguine halfen dem Forscherpinguin wieder bei seinen Eis-Experimenten im Labor, während der Hund sich zur Lärmgeisterbekämpfung bereit machte. Er wartete, bis es dunkel wurde, stellte sich dann vor das Spukhaus und kläffte, bis er heiser wurde. Das schien die Lärmgeister allerdings nicht zu beeindrucken, denn statt abzunehmen, nahm der Lärm eher noch zu, und das, obwohl immer noch keine Bauarbeiter zu sehen waren. Mittlerweile war der Hund sich absolut sicher, dass es in dem Haus wirklich spukte. Trotzdem nahm er all seinen Mut zusammen und schlich mit klopfendem Herzen durch den Vorgarten zu dem unbewohnten Gebäude. Er hatte immer noch große Angst, dass die Geister sich jeden Moment auf ihn stürzen würden, wenn er das Haus betrat, stupste aber tapfer mit der Nase die nur angelehnte Haustür auf und lugte hinein. Das Herz klopfte ihm zwar jetzt bis zum Hals, aber er wollte auf keinen Fall einen Rückzieher machen. Kaum im Haus angelangt, herrschte auf einmal gespenstische Stille, was dem Hund noch unheimlicher war. Vorsichtig schlich er über den langen Korridor von einem der vielen Zimmer zum nächsten. Überall lagen Werkzeuge, Presslufthämmer, Bohrmaschinen, umgekippte Farbeimer und Pinsel herum. Der Putz fiel von den Wänden, und die Fensterscheiben waren so verschmiert, dass man kaum noch hindurchsehen konnte. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend kroch der Hund auf einer halbmorschen Treppe bis in den ersten Stock hinauf, als aus heiterem Himmel wieder ein ohrenbetäubender Lärm einsetze. Ängstlich zuckte der Hund zusammen und robbte sich auf allen Vieren durch einen staubigen Flur auf das Zimmer zu, aus dem der Lärm kam. Je mehr er sich dem Zimmer näherte, umso lauter dröhnte und hämmerte es. Der Hund hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber er schlich sich tapfer Zentimeter für Zentimeter weiter voran, bis er vor der halb offen stehenden Tür des Zimmers, aus dem das größte Getöse kam, angelangt war. Er wünschte, es wären noch mehr Hunde da, um ihm im Kampf gegen die Lärmgeister beizustehen. Er robbte sich ganz dicht an die Tür heran und lugte ängstlich in den Raum. Menschen oder Tiere waren nicht zu sehen. Dafür aber ein Hammer, der wie von unsichtbarer Hand gelenkt Nägel in die Wand schlug, und eine Bohrmaschine, die in der Luft zu schweben schien und ein Loch in die Wand bohrte. Ein großer Presslufthammer mit einer dicken langen Spitze aus Metall ratterte hin und her und bohrte Löcher in den Boden. Plötzlich ertönte hinter dem Hund ein schriller, markerschütternder Schrei, gefolgt von einem Rasseln. Es klang fast so, als würde gerade jemand in Ketten gelegt. Der Hund zuckte erneut zusammen und winselte ängstlich, als ihm wieder einfiel, dass er ja Geheimagent werden wollte und keine Angst zeigen durfte. Zwar wusste er nicht, ob die tobenden Werkzeuge überhaupt mitbekamen, wie sehr er sich vor ihnen fürchtete. Aber eins war klar: er brauchte dringend Verstärkung, denn allein würde er den Kampf gegen sie auf keinen Fall bestehen. Dazu waren es einfach zu viele. So würdevoll wie möglich lief der Hund auf immer noch wackeligen Beinen durch den Hausflur, ging die baufällige Treppe herunter und sprang dann mit einem Riesensatz ins Freie. Kaum war er draußen angelangt, verstummte mit einem Mal der Lärm im Haus, und es wurde mucksmäuschenstill. Inzwischen hatte es zu schneien begonnen. Das Einzige, was man noch hörte, war das Quietschen der Reifen eines vorbeifahrenden Autos auf dem Schnee. Der Hund, dem der Schrecken immer noch in den Gliedern saß, blieb wie gelähmt noch ein paar Minuten vor dem Geisterhaus sitzen. Aber drinnen war alles still. Langsam beruhigte er sich, kramte sein Handy hervor und tippte mit der rechten Pfote eine SMS an den Eisbären ein. Er lernte gerade Lesen und Schreiben und war noch ziemlich unbeholfen darin, sodass er jeden einzelnen Buchstaben auf seinem übergroßen Handy lange suchen musste. Schließlich war es geschafft. Bin den Lärmgeistern auf der Spur. Brauche dringend Verstärkung. Der Hund. Als die SMS endlich fertig war, suchte er in seinem Display, in dem nur ein einziger Name stand, die Nummer des Eisbären heraus und drückte auf Senden. Die Antwort kam postwendend. Der Hund brauchte ziemlich lange, um sie zu entziffern, aber schließlich gelang es ihm: Bitte die Pinguine um Unterstützung. Grüße aus Honolulu. Habe zufällig ein Okapi getroffen, das hier Strandurlaub gemacht hat. Nun warten wir auf unseren Flieger nach Berlin. Der Eisbär.

Nachdenklich blieb der Hund noch eine Weile im Schnee hocken. Der Eisbär hatte vielleicht Nerven. Er hatte die Pinguine gerade erst kennen gelernt und sollte sie jetzt schon um Hilfe bitten? Wie würde er dann dastehen? Jedenfalls bestimmt nicht als Held und angehender Geheimagent, sondern eher als totaler Versager. Wenn er Hilfe in Anspruch nahm, dann nur von seinesgleichen, also von anderen Hunden, aber mit Sicherheit nicht von ein paar albernen Pinguinen, beschloss der Hund. Allerdings kannte er nicht viele Hunde aus der Nachbarschaft, und diejenigen, die beim Bellwettbewerb dabei gewesen waren, wollte er nicht fragen. Denn die Meisten von ihnen waren immer noch sauer darüber, dass der Eisbär ihn und nicht sie zum Unterlärmgeisterbeauftragten ernannt hatte, und würdigten den Hund keines Blickes, wenn sie zufällig an ihm vorbeiliefen. Nachdenklich ging der Hund in seine Hütte, die sein ganzer Stolz war. Denn wenn er irgendwo in Ruhe Pläne schmieden konnte, dann hier. Die Hütte war aus Holzplanken gefertigt, ungefähr so groß wie ein kleines Badezimmer, und es stand alles drin, worauf er Wert legte. Ein Tisch, ein Stuhl, ein gemütlicher Schlafkorb, ein Fress- und ein Trinknapf. Er hatte sogar Bilder an den Wänden aufgehängt und eine Topfpflanze auf den Tisch gestellt, die allerdings etwas vertrocknet aussah.